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Rückblicke auf die Gamshurster Ortsgeschichte

Die Massenauswanderung nach Kanada am 9. August 1854

Vom 17. bis 19. Jahrhundert verließen, teilweise im Rahmen von Massenauswanderungen, rund 1.100 Personen unser Dorf. Hauptgründe dafür waren die miserable wirtschaftliche Lage, verursacht durch Kriege, Missernten und Hungersnöte, sowie die Unterdrückung aufkeimender Freiheitsbewegungen durch die regierenden Fürsten.

Das sicherlich bemerkenswerteste Ereignis war die Abschiebung von 344 Gamshurster "Ortsarmen" am 9. August 1854 nach Quebec in Kanada. Aufzeichnungen zufolge wurden 229 Erwachsene und 107 Kinder im Alter von ein bis zwölf Jahren sowie 8 Säuglinge auf die Reise nach Übersee geschickt.

Anfang der 1850er Jahre gab es in vielen Orten Arme, die auf Kosten der Gemeinde lebten oder bettelnd durch das Land zogen. Hierzu gehörten auch Waisen oder Kinder von ledigen Müttern und pflegebedürftige Personen. Sympathisanten der Revolution durften ihren Beruf nicht mehr ausüben und fielen ebenfalls der Gemeinde zur Last. Die Geburtsgemeinde war nach badischen Gesetzen haftbar von der Wiege bis zur Bahre.

Wer im Dorf den Ortsarmen Kost und Logis gewährte, wurde von der Gemeinde entschädigt. Oft wurde dies aber ausgenutzt, hatten doch Bauern dadurch auf Kosten der Gemeinde billige Knechte oder Mägde. Insbesondere Kinder wurden hier schamlos ausgebeutet.

Bereits im August 1851 beschloss der Gemeinderat, einer Anzahl "notorisch Armer" nach Amerika zu verhelfen. Im Antrag beim Bezirksamt Achern bezeichnet der Gemeinderat die Abschiebung als Erleichterung. Dieses teilte mit, dass die Regierung des Mittelrheinkreises gegen die Aufnahme eines Darlehens zur Finanzierung der Auswanderung von Ortsarmen keine Einwände habe.

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Die Gemeinde Gamshurst schloss einen Beförderungsvertrag mit der Schiffsagentur Rabus und Stoll in Mannheim für den Transport von 344 Personen von Greffern nach Quebec.
Im Zusammenhang mit diesem Massenexodus taucht immer wieder der Begriff Zwangsabschiebung auf. Es wurde zwar eindeutig Druck ausgeübt, aber von Widerstand ist nichts zu lesen. Vermutlich hatten sich die Betroffenen mit dem endgültigen Abschied von Gamshurst abgefunden - gewiss sahen viele darin auch eine Chance.

Am 9. August 1854 wurden sie von 28 Pferdebesitzern nach Greffern gefahren, wo die Reise mit einem Dampfschiff bis nach Rotterdam begann. Von dort ging es mit einem kombinierten Segel-Dampfschiff weiter an die Ostküste Englands.

In Hull stiegen die Auswanderer auf die Eisenbahn um und fuhren quer durch England bis zur Westküste nach Liverpool. Von dort brachte sie ein Hochseeschiff der Reederei Bowman, Grinell & Co. über den Atlantik nach Kanada.

Diese Reise war alles andere als eine Vergnügungsfahrt: räumliche Enge auf dem Schiff und mangelhafte sanitäre Verhältnisse mussten wochenlang ertragen werden. Außerdem herrschte eine angespannte soziale Situation zwischen den Reisenden. Bettler die vorher frei durchs Land zogen, mussten sich jetzt an Spielregeln halten und allesamt waren sie auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.

In Kanada angekommen, fuhr das Schiff mit den Auswanderern den Sankt-Lorenz-Strom flussaufwärts in Richtung Zielhafen Quebec. Welche Situation die Auswanderer am Ziel ihrer Reise erwartete, ist noch weitgehend unerforscht. Offen ist auch, wie viele den Strapazen der Überfahrt nicht gewachsen waren, krank wurden und starben.

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Nachfahren dieser Auswanderer begeben sich heute wieder auf die Spuren ihrer Vergangenheit. Eine große Hilfe leistet den Ahnenforschern das Gamshurster Familienbuch, von dem einige Exemplare nach Übersee geliefert wurden. Mittlerweile besteht auch über das Internet ein reger Kontakt über eine so genannte Newsgroup in der sich Mitglieder aus Kanada, den USA und hierzulande austauschen.

Manche kommen sogar wieder zurück: So waren beispielsweise schon Nachfahren aus Trenton und Victoria (British Columbia) in Kanada sowie aus den U.S.A. (Louisville im Bundesstaat Kentucky, Oakland in Kalifornien, Evergreen in Colorado und aus Wyoming) in Gamshurst auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Vorfahren, die unter anderem auch zu den abgeschobenen des Jahres 1854 gehörten.

Recherchen: Verein für Ortsgeschichte Gamshurst
Bericht: Marco Weber

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