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Rückblicke auf die Gamshurster Ortsgeschichte

Brandkatastrophe in der Kirche nach einem Blitzschlag am 6. Mai 1926

"Im Wonnemonat Mai ist's bei uns Karfreitag geworden. Der Herzschlag des Dorfes blieb am letzten Donnerstag 4 Uhr 10 Minuten stehen…" So beginnt ein Bericht vom 9. Mai 1926, der tags darauf im "Acher- und Bühler Bote" zu lesen war. Schon dieser erste Satz lässt uns heute erahnen, wie einschneidend die Brandkatastrophe in das dörfliche Alltagsleben gewesen sein muss, die am Nachmittag des 6. Mai jenes Jahres ihren Lauf nahm…

Blättern wir nun den Kalender einige Jahrzehnte zurück - zum Nachmittag des 6. Mai 1926:

Acht Jahre nach Ende des ersten Weltkrieges finden wir unser Land in der Zeit der Weimarer Republik vor. Staatsoberhaupt ist Reichspräsident Paul von Hindenburg - und das Volk im "Deutschen Reich" ist von dem, was man als Wohlstand bezeichnet, weit entfernt. Der Niedergang der Republik und die kommende Weltwirtschaftskrise zeichnen sich bereits ab - und in dieser Situation, die zwar nichts mit dem Kirchenbrand zu tun hat, aber dennoch ein Stimmungsbild jener Zeit vermittelt, sitzen an diesem Donnerstag etwa 20 Einwohner des landwirtschaftlich geprägten Dörfchens Gamshurst, das damals noch zum Landkreis Bühl gehört, in der Dorfkirche um zu beichten.

Dunkle Wolken kommen am Nachmittag am Himmel auf und schieben sich zu einer bedrohlichen schwarzen Decke zusammen, die sich bald darauf in einem heftigen Gewitter entlädt.

Zehn Minuten nach Vier Uhr fährt ein gewaltiger Blitzstrahl ein Stück unterhalb der Helmspitze in den Turm der Kirche. Der Helm des Gotteshauses wird zerrissen, alle Ziegel fallen herunter und ein drei Meter breites Stück wird aus dem Mauerwerk an der Südwestseite im Bereich des Glockenstuhls regelrecht herausgesprengt.

Große Trümmerstücke des Turms werden viele Meter weit bis in den Garten des Gasthauses "Hirsch" geschleudert.

Der Blitz fährt unterhalb des Turmdachs in die Uhr auf die elektrische Leitung nach unten in den Chor und die Sakristei. Dort zerschlägt er den Zähler und reißt die Schalttafel von der Wand, um dann der Leitung nach ins Langhaus zu laufen, vorbei am dort aufgebauten Maialtar. Dieser wird erstaunlicherweise nicht beschädigt: "Nicht einmal eine Blume war angesengt", erinnert sich ein Zeitzeuge. Gleich neben dem Gottesmutter-Altar findet der Blitz den Weg nach draußen über eine Eisenverankerung, die das Regenablaufrohr hält - und findet dort nochmals die Kraft, ein Loch von etwa einem Meter Durchmesser in die Außenwand des Gotteshauses zu schlagen.

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Die Wucht der sich entladenden Kräfte ist weithin hören und zu spüren. Im nahe gelegenen Schulhaus, so erinnert sich heute ein Einwohner, der damals Nachmittags-Unterricht hatte, werden die Schüler regelrecht aus den Bänken geschleudert.

Sogar in Michelbuch, knappe zwei Kilometer Luftlinie entfernt, schlägt es ein Mädchen gegen den Tisch - und im Süden des Ortes, beim heutigen Gasthaus Pflug, hört man eine Art Verpuffung und sieht einen Feuerball über den Himmel ziehen. Die Wirkung des Blitzschlags ist im ganzen Dorf zu verspüren - in vielen Häusern werden Sicherungen zerschlagen und Glühbirnen zerstört.

Pech hat die Haushälterin, die in diesem Moment vom Pfarrhaus in die Kirche eilt, um dem damaligen Pfarrer Franz Busam einen Schirm zu bringen: Sie wird von herabfallendem Mauerwerk und Ziegeln verletzt und muss nach Achern ins Krankenhaus gebracht werden.

Sonst wird glücklicherweise niemand verletzt - die zu Tode erschrockenen Kirchenbesucher eilen heraus, und auch weitere Dorbewohner kommen zur Kirche um sich die Zerstörung anzusehen. Die Monstranz wird noch schnell vom Pfarrer aus dem Tabernakel ins Pfarrhaus gerettet.

Etwa eine Viertelstunde nach dem Blitzschlag bemerkt man weit oben am Turm ein kleines Rauchwölkchen, das schnell größer wird, und bald sieht man auch die Flammen im Gebälk züngeln. Zu dem Zeitpunkt wäre es noch ein leichtes, das Feuer zu löschen, wenn man es nur erreichen könnte.

"Der wagemutige Maurermeister Fritz Allgeier eilte mit einem Minimax den Turm empor. Doch der Blitz hatte auch die Leiter zerstört und so mußte man untätig zusehen, wie aus dem Fünkchen ein weithin leuchtendes Feuer wurde…", heißt es in einem Zeitungsbericht über die Brandkatastrophe.

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Der Brand breitet sich rasend schnell aus, frisst sich durch das Gebälk und bald darauf schlagen die Flammen überall zum Turm heraus. Weithin ist die feurige Säule wie eine riesige Fackel zu sehen.

Eine Feuerwehr gibt es 1926 in Gamshurst noch nicht - jedoch war der Kirchenbrand ein ausschlaggebender Punkt zur Gründung einer solchen noch im gleichen Jahr - so ruft man die Feuerwehren aus Achern, Großweier, Unzhurst und Memprechtshofen zur Hilfe. Doch auch deren Ausrüstung kann lediglich dazu eingesetzt werden, eine Ausbreitung des Feuers zu verhindern - den Brand zu löschen ist den Wehrmännern nicht möglich.

Der hölzerne Glockenstuhl brennt zwar lichterloh, doch er hält stand. Lediglich eine der vier Glocken fällt herunter und bleibt auf der Decke des Gewölbes liegen. Die anderen werden dennoch am Folgetag bei den ersten Aufräumarbeiten von den verkohlten Balken heruntergerissen - die Gefahr wäre zu groß, dass sie abstürzen und die Helfer darunter verletzten könnten. Dabei wird die Decke des Chores durchschlagen und die Glocken stürzen in den Altarraum hinab. Zwei zerbrechen dabei in Einzelteile. Die größte bleibt mit einem Riss liegen und die kleinste trägt zwar äußerlich wenig Schaden davon, doch hat sie wohl durch die massive Hitzeeinwirkung und den Sturz ihren Klang verloren.

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Spät am Abend sinkt das offene Feuer im Turm langsam in sich zusammen - doch es schwelt noch tagelang versteckt in den Balken und unter den Trümmern.

Der 6. Mai 1926 schreibt somit eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte der Gamshurster Pfarrgemeinde. "Unser sonst so stiller Ort war am letzten Sonntag das Reiseziel sovieler, die den Ort des Grauens und Entsetzens betrachten wollten, unser altes, ehrwürdiges, vom Blitze zerstörtes Kirchlein. Zu Fuß und Rad, zu Fuhrwerk und Auto kamen sie, alt und jung, um auf den Trümmern zu empfinden, was Naturgewalt mit Blitzesschnelle zu vollbringen vermag. Hunderte waren es, die da waren.", so ist es wenige Tage später in einem Zeitungsartikel zu lesen.

Die Aufräumarbeiten begannen, nachdem das Feuer größtenteils erloschen war.

In der darauf folgenden Zeit behalf man sich in Gamshurst damit, den Gottesdienst in der Pfarrscheuer und dem Hof des Pfarrhauses abzuhalten. Ab dem 1. Juni wurde die Heilige Messe wieder in der Kirche zelebriert - fensterlos und an einem Seitenaltar in dem 1728 erbauten Langhaus, denn der Chor war nicht mehr gebrauchsfähig.

Teile des Turms wurden abgetragen und die Öffnung mit einem pyramidenförmigen Provisorium verschlossen. Turm und Chor wurden etwa um 1500 n. Chr. erbaut und galten damals schon als "von künstlerischem Wert" und erhaltenswürdig.

Lange wurde in verschiedenen Gremien diskutiert und debattiert, wie es nach der Brandkatastrophe weitergehen soll - ein Wiederaufbau des vorherigen Zustandes, Abriss und Aufbau an einem anderen Ort oder auch eine schon vor dem Brand geforderte Erweiterung waren Themen, die in den kommenden Monaten die Gemüter erhitzten. Schließlich kam eine von verschiedenen Erweiterungsvarianten zum Tragen - und am 24. Juli 1927 konnte der Grundstein für den Wiederaufbau der Kirche, nun mit einer Erweiterung des Langhauses Richtung Norden in einer Querachse zum bisherigen Gebäude gesetzt werden - so, wie sich die Gamshurster Pfarrkirche St. Nikolaus auch heute noch präsentiert.

Recherchen: Verein für Ortsgeschichte Gamshurst
Historische Fotos: Atelier Pache, Achern
Bericht: Marco Weber

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