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Rückblicke auf die Gamshurster Ortsgeschichte

Gruft der Domicilla Becker in Gamshurst freigelegt

Auf eine Besonderheit, die auf einem Dorffriedhof recht selten zu finden ist, stieß man in Gamshurst im März 2015: Die gemauerte Gruft der Domicilla Becker, einer wohlhabenden Dame mit außergewöhnlichem Lebenslauf und zugleich Gönnerin des Dorfes, die vor über 140 Jahren verstarb, wurde freigelegt.

Schon seit Generationen erzählt man sich im Ort, dass unter einer Grasfläche inmitten des Friedhofs, dort wo einst mehrere Ehrengräber vorzufinden waren, noch eine Gruft sein müsse. Werner Bühler und Nikolaus Braun vom Verein für Ortsgeschichte erinnerten sich noch genau an die Stelle und weckten bei Ortsvorsteher Hans Jürgen Morgenstern das Interesse – hatten sie doch in den vergangenen Jahren immer wieder über das außergewöhnliche Leben dieser Dame und ihrem Bezug zu Gamshurst erzählt.

Das Grab der Domicilla Becker, die von 1825 bis 1872 lebte, war einst mit einem Grabstein aus weißem Marmor und einer Kupferumzäunung versehen. Der Zaun fiel den Metallsammlungen im Zweiten Weltkrieg zum Opfer – und irgendwann später wurde die Ruhestätte vollständig abgeräumt.

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So startete man vor einigen Wochen, als die Gamshurster Rentnertruppe auf dem Friedhof mit schwerem Gerät für Pflasterarbeiten und an den Ehrengrabsteinen beschäftigt waren, einen Versuch: Schon nach den ersten Baggerbissen wurde klar, dass die Hinweise auf die Stelle eine Punktlandung waren und dort "etwas darunter sein müsse" - vorsichtig wurde daraufhin weitergegraben. Nach kurzer Zeit konnte man, etwa einen halben Meter unter der Rasenfläche, den oberen Teil des abgerundeten Mauergewölbes freilegen.

Darin fanden die Helfer ein Loch, in dem einige Steine fehlten - dies könnte die Bestätigung einer Geschichte sein, die man sich heute noch im Dorf erzählt: Bei den Abbrucharbeiten des Zauns sei die Gruft und der darin stehende Zinksarg beschädigt worden. Der damalige Polizeidiener Michael Kaltenbach berichtete, die Leiche der Domicilla sei noch in Umrissen erhalten gewesen und dann langsam zusammengesackt, während ein übler Geruch aus dem Grab entwich.

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Die vergessene Gruft war nun aufgefunden und noch sehr gut erhalten – Ortsvorsteher Hans Jürgen Morgenstern, an diesem Tag mit vor Ort, leitete alles Weitere im Dialog mit Stadt und Denkmalbehörde in die Wege: Es galt abzustimmen, wie es möglich und sinnvoll ist, diese Gruft zu erhalten und künftig sichtbar in das Gesamtbild auf dem Friedhof zu integrieren. Bis dahin wurde die Stelle gesichert und abgedeckt.

Nach mehreren Zusammenkünften und variantenreichen Abstimmgesprächen mit den freiwilligen Helfern des Vereins für Ortsgeschichte und dem Ortschaftsrat kam man zum Ergebnis, die Gruft komplett freizulegen und mit einer umgebenden Mauer abzusichern. Ein Glücksfall war dabei, dass Maurermeister Werner Meyer zufällig zu den Arbeitern stieß und sich spontan bereit erklärte, diese mit Rat und Tat zu unterstützen. Außerdem stellte er benötigtes Material, Maschinen und einen Bauzaun zur Verfügung.

Mittlerweile ist die schützende Standstein-Mauerung fertig und die Gruft auf der Vorderseite geöffnet, um einen Blick ins Innere zu ermöglichen.

Der Sarg mit den sterblichen Überresten von Domicilla Becker wurde geborgen und bereits wieder in der Nähe der Gruft würdevoll bestattet.

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Bei einer weiteren Zusammenkunft Anfang Ende April berieten sich Ortschaftsrat und Verein darüber, wie man die Gruft mit einer Überdachung gegen Witterungseinflüsse schützen könne. Geplant ist auch die Installation eines Metallzauns in ähnlicher Ausführung wie früher - wenn auch höher, um die Funktion einer Sicherung vor Gruft, die unter Bodenniveau liegt, zu erfüllen.

Der Verein für Ortsgeschichte wird diese Maßnahme zu großen Teilen aus eigenen Mitteln finanzieren.

Morgenstern dankte allen Beteiligen für ihre bisherige Unterstützung: Seien es die "Ideengeber" zum Auffinden der Stelle, als auch alle, die das Vorhaben aktiv begleiten. Jeder investierte Euro in diese mehr als großartige Arbeit im Dorf sei seine Ausgabe hierfür wert.

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Vom Findelkind zum Reichtum:
Das außergewöhnliche Leben der Domicilla Becker

Domicilla Becker wurde am 8. Mai 1825 als Tochter der vagabundierenden Salomea Becker geboren und in Gamshurst getauft. Der Name ihres Vaters ist nicht bekannt. Ihre einzige Schwester Karolina Katharina starb im Alter von fünf Jahren 1833 in Gamshurst.

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Verlassen, aufgenommen und verschwunden

Als sie etwa fünf bis sieben Jahre alt war, wurde sie nach mündlicher Überlieferung in der Scheune des Gasthauses "Rössel" von ihrer Mutter ausgesetzt - mit dem schriftlichen Hinweis, dass Nachforschungen nach deren Verbleib zwecklos seien. Der Gamshurster Bürgermeister musste sich nun von Amts wegen um das Findelkind kümmern. Bei verschiedenen Pflegeeltern hielt es die kleine Domicilla nie lange aus, so dass sie schließlich beim verwitweten Bürgermeister Anton Burst selbst unterkam. Seine älteste Tochter Josepha kümmerte sich um das Mädchen. Domicilla entwickelte ein forsches Auftreten und erklärte ihr gegenüber, dass sie nicht zum Arbeiten mit den Händen geboren sei.

Man vermittelte ihr später eine Anstellung in einem städtischen Haushalt. Dort hielt sie es jedoch nur ein paar Monate aus und lief davon. Einige Zeit danach erhielt Josepha Post von Domicilla aus der Schweiz, die berichtete, dass sie dort in einer Gaststätte arbeite. Die Briefe wurden seltener und nach einigen Jahren gab es kein Lebenszeichen mehr von ihr.

Wie man in Gamshurst erst einige Jahre nach ihrem Tod erfuhr, zog sie 1845 zu ihrer Mutter, zu der sie wieder Kontakt hatte, in die Provinz Lucca in Norditalien und arbeitete mit ihr zusammen als Stubenmädchen in einem Hotel. Dort lernte sie Demetrius Lucchesi kennen, den sie 1848 heiratete.

Das Paar zog 1859 nach Florenz und betrieb, gemeinsam mit Domicillas Mutter, die noch zehn Jahre leben sollte, eine Speisewirtschaft. Nach deren Tod verließ Domicilla ihren Mann und nahm, wie es später in einem anwaltlichen Schreiben heißen sollte, "das Wertvollste des beweglichen Vermögens" mit.

Aus mündlicher Überlieferung stammt die Aussage, dass ein ägyptischer Sultan sie zu seiner ersten Haremsdame gemacht habe. Man erzählt sich, mit Hilfe von bestochenen Dienern gelang ihr später unter Mitnahme aller Wertsachen von dort die Flucht auf ein Schiff. Dies könnte erfunden sein – im erwähnten Schriftsatz des Anwalts sind jedenfalls verschiedene Reisen, auch nach Ägypten, erwähnt.

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Überraschende Rückkehr nach Gamshurst

Um 1870 erschien Domicilla plötzlich wieder als reiche Dame in Gamshurst. Auf Nachfrage von Josepha, ob sie einen reichen Ehemann habe, gab sie zur Antwort, dass sie im Leben nicht einen, sondern viele reiche Männer hatte und nun in Baden-Baden lebe.

Josephas 19jährige Tochter Anna nahm sie als Haushaltshilfe mit. Das ging jedoch nicht lange gut - zu groß war doch der Unterschied ihres bisherigen Lebens mit dem der reichen Dame in der Bäderstadt.

Domicilla wollte sie zum Bleiben bewegen und versprach, sie als Alleinerbin einzusetzen, da sie nur noch wenige Monate zu leben habe. Doch der Anblick von tiefen, eiternden Wunden verängstigte das junge Mädchen nur noch mehr, und so verließ Anna fluchtartig das Haus und lief die ganze Nacht durch bis nach Gamshurst.

Domicilla Becker starb am 4. Oktober 1872 im Alter von nur 47 Jahren in Baden Baden. Sie wurde in Gamshurst auf einem Platz bei den Ehrengräbern in einer gemauerten Gruft bestattet. Diesen Platz hatte sie sich noch zu Lebzeiten zusichern lassen. Wegen ihrer ansteckenden Krankheit – man geht heute davon aus, dass sie an der Syphilis erkrankt war – wurde sie in einem Zinksarg beerdigt.

1925 erschien eine teilweise phantasievoll ausgeschmückte Novelle über das Leben der Domicilla von Dr. Anna Maria Renner in der "Unterhaltungsbeilage" des Karlsruher Tagblatts.

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Das Erbe der Domicilla

Für Gamshurst setzte sich die Geschichte noch fort: Der Ort war zu jener Zeit hoch verschuldet und lieh sich bei Domicilla im April 1872 eine Summe von 10.000 Gulden – damals war es nicht unüblich, dass Gemeinden sich Geld bei Privatpersonen liehen. Nach ihrem Tod wurde das Darlehen im Auftrag des Testamentsvollstreckers gekündigt.

Insgesamt waren in drei Testamenten 17 Erben mit insgesamt 18.700 Gulden (entspricht heute, 2015, ca. 440.000 Euro) bedacht. Zwei Drittel dieser Summe sollten fünf Erben aus Gamshurst zu Gute kommen.

Der katholische Kirchenfonds wurde für den Bau einer Friedhofskapelle (es handelt sich dabei um die kleine Kapelle, die heute noch steht) und die Kirchenrenovation, sowie eine jährliche Messe für die Erblasserin mit rund 8.100 Gulden bedacht. Daraus wurde später die Reparatur der Orgel, neue Fenster und die Sanierung des Kirchendachs finanziert. Der Armenfonds erhielt rund 1.120 Gulden und drei Gamshursterinnen wurden ebenfalls großzügig bedacht.

Drei Jahre nach dem Tod von Domicilla tauchte der Anwalt des verlassenen Ehemann Demetrius Lucchesi aus Florenz auf und forderte das Erbe seiner Frau zurück, das inzwischen auf über 24.000 Gulden taxiert wurde. Das Gericht lehnte die Forderung jedoch als nicht erwiesen ab.

Verschiedene Währungsreformen und lückenhafte Aufzeichnungen ließen den Wert der Stiftung über die Jahre stetig schwinden. Im August 1903 wurde der Wert noch mit 13.000 Mark (entspricht umgerechnet heute, 2015, etwa 170.000 Euro) beziffert. Was dann mit dem Geld geschah, konnte nicht mehr nachvollzogen werden – der verbleibende Rest sei bei der Inflation 1923 wertlos geworden.

Verein für Ortsgeschichte Gamshurst
Fotos: Marco Weber, Gerhard Lorenz

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