http://www.gamshurst.de
Index: A-Z
Kontakt
Impressum
Startseite

Rückblicke auf die Gamshurster Ortsgeschichte

Der Holzhof und sein Bezug zu Gamshurst

Dass der Flurname "Holzhof" - ein Gebiet, das auf Höhe der Ortsmitte westlich des Dorfs zwischen Acher (Feldbach) und dem Waldrand liegt - seinen Namen vom dort einst angesiedelten Bauernhof hat, ist vielen Einheimischen noch heute, rund 150 Jahre nach seinem Verschwinden, bekannt.

Heute ist die genaue Lage des Hof-Komplexes, der einst mehrere Gebäude umfasste, nicht mehr bekannt, jedoch lässt sie sich auf den Bereich von sechs Flurstücken eingrenzen.

Erstmals wurde er im Jahre 1136 erwähnt und sollte später aufgrund seiner Lage auch eine Rolle in den Zeiten der deutschen Kleinstaaterei spielen: Die Merlach, ein Gewässer westlich der Acher, war die Grenze zum Maiwald. Dabei handelte es sich gleichzeitig um die Staatsgrenze zwischen der Ortenau, die fast 2 Jahrhunderte zu Vorderösterreich gehörte, und Hanau-Lichtenberg.

Die Bewohner des Hofs waren Bürger der Gemeinde Wagshurst, jedoch sind die meisten Taufen, Heiraten und Sterbefälle in den Gamshurster Kirchenbüchern dokumentiert. Bis 1811 stand der Hof unter dem besonderen Schutz des Bischofs von Straßburg, der neben den Grafen von Hanau-Lichtenberg Bannherr war.

Gamshurst hatte nur minimale Rechte in diesem Gebiet. So galt laut dem "Freistetter Waldbrief" von 1534 das Weiderecht für Rinder und Schweine der Gamshurster nur in einem eng begrenzten Bezirk. Besonders strikte Regeln gab es zur Holznutzung. Sie durften lediglich Weich- und Daubholz schlagen. Harthölzer waren für die Gamshurster tabu. Auf dem Holzhof wurden Waldgerichte über Wilddiebe und Waldfrevler, also Holzdiebe, durch die Vertreter der Bannherren abgehalten. Es gab auch einen Stall für beschlagnahmtes Vieh, das trotz Verbotes auf die Weide im Maiwald getrieben wurde. Die Bauern aus Gamshurst mussten dann die Futterkosten und eine Strafe bezahlen, um ihr Vieh wieder auszulösen.

Seitenanfang

Durch die politischen Umwälzungen während der Herrschaft Napoleons versank der Hof nach1806 in die Bedeutungslosigkeit und alle Privilegien, wie Holzdeputat, Gerichtssitz, Schank- und Jagdrecht, fielen weg.

Besonders der letzte Holzhofbauer Josef Schmitt war der Situation nicht gewachsen. Er musste seinen Besitz Stück für Stück verkaufen, um Schulden zu tilgen. 1856 wurde das Hofareal als letzter Akt im Drama versteigert. Gebäude gab es da schon keine mehr. Noch heute ist in der Lange Straße eine Scheune zu finden, die einst aus der Konkursmasse des Holzhofs abgetragen und im Ort wieder aufgebaut wurde. Josef Schmitt lebte bis zu seinem Tod 1870 von der Armenfürsorge der Gemeinde Wagshurst.

Die Gamshurster waren verschrien als Wild- und Holzdiebe. Aus dem direkt vor der Haustüre liegenden Wald das Feuerholz zu holen und auch mal einen Hasen mitgehen zu lassen, war reine Notwendigkeit zum Überleben. Hierfür war die Grenzlage ideal: wenn sie mit dem Holz oder dem Braten einmal die Merlach überquert hatten, waren sie vor Verfolgung sicher.

Zu einer gewissen Berühmtheit brachte es vor fast 300 Jahren Klaus Bühler, der mit Catharina Lorenz vom Holzhof verheiratet war und als Bauer in Litzloch lebte. Der "Tochtermann des Holzhofbauern" war aus Herrschaftssicht ein gewöhnlicher krimineller Wilddieb, der mit allen Mitteln verfolgt wurde, weil sein Verhalten Schule machen könnte. Die Häscher der verschiedenen Jagdherren bekamen aber weder ihn noch seine Begleiter zu fassen.

Seitenanfang

Aus jener Zeit stammt der Bildstock im Gewann Holzhof. Er wurde von Sebastian Schmitt, dem damaligen Holzhofbauern und Schwager von Klaus Bühler, zum Gedenken für den 1734 erschossen aufgefundenen Jäger Daniel Käser aus Freistett gestiftet, der im Dienste der Grafen von Hanau-Lichtenberg stand. Nur zu gerne hätte man den Mord Klaus Bühler in die Schuhe geschoben, jedoch wurde der Fall nie aufgeklärt.

1811 wurde der Maiwald unter den dort genossenschaftlich organisierten Gemeinden nach langwierigen Verhandlungen, die sich über zwei Jahre hinzogen, aufgeteilt. Als Störfaktor erwiesen sich die Gamshurster, die einen Schutzbrief des Bischofs von Straßburg aus dem Jahr 1423 vorlegten, in dem dieser seine Nachfolger verpflichtete, Gamshurst bei einer Aufteilung des Maiwalds zu berücksichtigen.

Die Verhandlungen drohten kurz vor Abschluss zu scheitern, denn Gamshurst verlangte eine Ausdehnung seiner Gemarkung bis zur Rench, um das Vieh auf eigenem Boden zur Tränke treiben zu können. Auslöser war die Tatsache, dass die Acher besonders in trockenen Sommern zu wenig Wasser führte, weil dieses in Oberachern in den Mühlbach abgeleitet wurde. Die heutige Situation mit dem ausgetrockneten Bach gab es also schon damals.

Letztendlich zogen die Gamshurster ihre Forderung nach der Tränke in der Rench aber wieder zurück.

Recherchen: Verein für Ortsgeschichte Gamshurst
Bericht: Marco Weber

Seitenanfang