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Rückblicke auf die Gamshurster Ortsgeschichte

Von der Kutsche bis "77855": Das Postwesen in Gamshurst

Der Verein für Ortsgeschichte Gamshurst hatte Anfang November 2015 zu einem Vortrag über die Entstehung des Postwesens in die Gaststätte Abseits eingeladen. Beate und Gerhard Lorenz vom Forschungsteam des Vereins hatten sich eingehend mit dem Thema beschäftigt und konnten, nicht zuletzt den Umständen zu verdanken, dass Frau Lorenz aus der "Postler-Familie" Renner stammt, auf einen interessanten Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Die ältesten Aufzeichnungen im Archiv der Gemeinde sind aus dem Jahr 1881. Damals bewarb sich der Krämer Hermann Hauser darum, eine Posthilfestelle in Gamshurst zu betreiben. Wenig später zog er seine Bewerbung jedoch wieder zurück: Da er Kaufmann und Wagner sei und noch eine Landwirtschaft betreibe, würden es seine Verhältnisse nicht gestatten, dies pünktlich und gewissenhaft besorgen zu können. Er schlug vor, die Poststelle wie im benachbarten Memprechtshofen durch das Bürgermeisteramt zu betreiben.

Es tat sich einige Zeit nichts, so dass der Gamshurster Gemeinderat um Bürgermeister Renner im November 1881 an die Oberpostdirektion in Karlsruhe schrieb, um "in tunlicher Bälde eine Postagentur errichten lassen zu wollen". Die Posthilfestelle wurde eingerichtet und Benedikt Renner nahm die Tätigkeit als unbesoldetes Ehrenamt auf, das, wie vermerkt war, nicht zum Tragen einer Uniform berechtigte.

Fünf Jahre später stellten die Gamshurster den Antrag, die Posthilfestelle in eine Agentur umzuwandeln, da dies den Bedürfnissen der Einwohnerschaft entspräche: Der Postverkehr des Dorfes mit nahezu 1300 Einwohnern und einer großen Anzahl von Gewerbetreibenden sei von großer Bedeutung und Erleichterung. Weiterhin sei die Postexpedition in Achern sechs Kilometer entfernt, was für Absender oder Empfänger größerer Geldsummen oder Pakete mit Unbequemlichkeiten verbunden sei.

Im April 1987 war es so weit und Bürgermeister Benedikt Renner wurde gemäß Verfügung der Kaiserlichen Oberpostdirektion in Karlsruhe zum Postagenten in Gamshurst bestimmt. Dafür sollte er eine jährliche feste Vergütung von 240 Mark erhalten. Der örtliche Postbetrieb blieb über mehrere Generationen in der Familie Renner, die somit über 100 Jahre Postgeschichte in Gamshurst begleitete.

Eine Postkutschenlinie wurde eingerichtet: Um 1910 fuhr Anton Jörger diese von Gamshurst über Großweier nach Achern und Fautenbach. Wie lange die Linie betrieben wurde, ist nicht bekannt.

Die erste Poststelle entstand in der heutigen Lange Straße 132, wo sie bis 1970 in den Wohnräumen betrieben wurde. Danach wurden die Posttätigkeiten in einen Anbau des Gebäudes verlegt. Nachfolger im Amt von Benedikt Renner – sowohl in Funktion des Bürgermeisters als auch des Posthalters – wurde sein Sohn Anton.

Dessen Sohn wiederum – Benedikt Renner II – wurde Zusteller und seine Schwester Karoline Posthalterin. Ihr folgte Magdalena Renner als Posthalterin. Benedikt, mal auf dem Fahrrad oder auch mal motorisiert mit seiner Velo Solex im Zustellungsdienst unterwegs, gehörte zum festen Ortsbild, wie viele, die ihn kannten, noch heute berichten.

Auch sein Sohn Anton trat in seine Fußstapfen und wurde Posthalter – seine Frau Julia Zustellerin. Nach einiger Zeit tauschten sie die Aufgaben und Anton ging in den Zustelldienst. Sein Markenzeichen, so erinnert man sich, war sein Pfeifen, wenn er mit dem Fahrrad unterwegs war. 1987 folgte Inge Renner als Leiterin der Poststelle. Die Post zog 1992 um und war dann – bis sie 1996 geschlossen wurde – im Gebäude Lange Straße 129 neben dem früheren Gasthaus Hirsch untergebracht.

Damit endete die Geschichte eines Postamts in Gamshurst. Postdienstleistungen waren danach zuerst im Frischmarkt Graf, dann bei Helga Froehlich-Dufek erhältlich, die bis heute einen Postverkaufspunkt in der Oststraße im Gebäude der ehemaligen Milchannahmestelle betreibt.

Im Anschluss an den Rückblick auf die Postgeschichte warfen Beate und Gerhard Lorenz noch einen Blick auf die heute nicht mehr verwendeten Gamshurster Poststempel und die Postleitzahlen, die in Deutschland 1941 – damals noch zweistellig – eingeführt wurden. In den 1960er Jahren wurden vierstelliger Postleitzahlen eingeführt. Gamshurst war postalisch früher mit "7591", später mit "7590 Achern 16" gekennzeichnet, bis im Sommer 1993 die heute noch geltenden fünfstelligen Postleitzahlen eingeführt wurden und Achern mit seinen Stadtteilen unter der 77855 zu finden ist.

Verein für Ortsgeschichte Gamshurst
Bericht: Marco Weber

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