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Patientenverfügung: Vorsorge für den Ernstfall (Artikel vom März 2007)

Etwa hundert interessierte Zuhörer, darunter auch viele junge Leute, waren am 19. März 2007 zum Vortrag des Fördervereins für Kranken- und Familienpflege der Kirchengemeinde St. Nikolaus e.V. ins Pfarrheim nach Gamshurst gekommen.

Vorsitzender Wolfgang Ohnmacht konnte für diesen Abend Notar Dr. Norbert Eberle vom Notariat Achern und Oberarzt Dr. med Meinrad Heinrich vom Kreiskrankenhaus Oberkirch gewinnen, die das Thema Patientenverfügung aus juristischer und ärztlicher Sicht beleuchteten.

Dr. Heinrich betonte, dass Patienten grundsätzlich ein Recht auf Information und eine freie Willensäußerung genießen, dem die Ärzte zum Einen durch Fachwissen, zum Anderen durch Berufs- und Lebenserfahrung gegenüberstehen und dies in Entscheidungen einfließen lassen, die getroffen werden müssen.

Es besteht auf ärztlicher Seite grundsätzlich eine Pflicht zur Behandlung, beispielsweise um Schmerzen oder Ängste zu bekämpfen, nicht jedoch zur unbedingten Lebensverlängerung in jeglicher Art und Weise.

Eine Behandlung muss für etwas gut sein - Therapiegrundlage nach aktuellem Stand von Therapie und Diagnostik handeln, mehr nutzen als schaden.

Für den Arzt und das Pflegepersonal gibt es vier Situationen im Verhältnis zum Patienten:

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Eine Patientenverfügung ist keine starre Richtlinie. Sie kann wichtige Rahmenbedingungen setzen, jedoch nicht jedes einzeln denkbare Detail im Vorfeld entscheiden.

Wurde die Verfügung schon längere Zeit zuvor erstellt, gilt es herauszufinden, ob die Willensäußerungen der aktuellen Situation noch entsprechen.

Wichtig ist, dass die Formulierungen keine zu allgemeinen Phrasen enthalten. Beispielsweise sollten nicht allgemein lebensverlängernde Maßnahmen betrachtet werden, sondern konkret auf künstliche Ernährung, Beatmung, Wiederbelebung, Schmerzfreiheit oder Blutwäsche eingegangen werden.

Unbedingt sollte man mit dem Hausarzt reden, um ein Optimum zu erreichen, mit dem Ärzte und Patienten arbeiten können.

Den Blick durch die juristische Brille auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient erläuterte Notar Dr. Eberle.

Interessant ist, dass eigentlich jede Maßnahme eines ärztlichen Eingriffs grundsätzlich als Körperverletzung betrachtet wird, die jedoch dann nicht strafbar ist, weil der Patient einwilligt.

Kann der Patient dies selbst nicht mehr aktiv tun, wird eine vorhandene Patientenverfügung als solch eine Einwilligung gesehen.

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Nicht außer Betracht zu lassen ist, dass man Patientenverfügungen üblicherweise zu einem Zeitpunkt erstellt, wo nur vage Vorstellungen existieren, welche unterschiedlichen Situationen einem widerfahren können.

Im Laufe des Lebens ändern sich bei Menschen Einschätzungen abhängig von der jeweils aktuellen Situation und andere Aspekte im Leben treten zu Tage.

Daher wird empfohlen, zu einer bestehenden Patientenverfügung Stellung zu nehmen, wenn sich die Lebenssituation ändert, beispielsweise durch Krankheit.

Willenserklärungen in diesem Schriftstück können durch den Verfasser jederzeit wiederholt, geändert oder auch in Teilen oder vollständig widerrufen werden.

Eine schriftliche Patientenverfügung kann formfrei gestaltet werden und bedarf keiner notariellen Beurkundung, jedoch sollte man als Verfasser dafür Sorge tragen, dass sie im Bedarfsfall auch zur Verfügung steht. Beispielsweise kann man bei den persönlichen Ausweispapieren einen Hinweis darauf mit sich führen.

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Auf jeden Fall ist anzuraten, die Niederschrift gemeinsam mit dem Hausarzt zu erörtern.

Sie dient im Bedarfsfalle der Erforschung des Patientenwillens und seiner Wertevorstellung als Interpretationsgrundlage unter mehreren Aspekten, beispielsweise auch den Informationen von Verwandten, Partnern, Eltern oder Geschwistern.

Ergänzend sollte man sich auch über eine Vorsorgevollmacht Gedanken machen, mittels derer man eine oder mehrere Personen des persönlichen Vertrauens bevollmächtigen kann, unter anderem in Gesundheitsangelegenheiten gegenüber Ärzten an eigener Stelle einzutreten und, flankiert durch die Patientenverfügung, den eigenen Willen zu transportieren. Da eine Vorsorgevollmacht auch weitere Dinge, beispielsweise finanziellen Themen, regelt, ist es ratsam, diese notariell beglaubigen zu lassen.

Wichtig ist bei einer Vorsorgevollmacht, dass gegenüber den Bevollmächtigten auch ein umfassendes Vertrauensverhältnis besteht, ansonsten ist es ratsamer darauf zu verzichten.

Wurde man selbst bevollmächtigt und gerät bei anstehenden Entscheidungen in außergewöhnliche Situationen, die untragbare Gewissenskonflikte hervorrufen, kann man den Vollmachtsauftrag niederlegen und ist nicht verpflichtet, diesen in jedem Fall durchzusetzen.

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Bei der anschließenden Diskussionsrunde stellte sich heraus, dass bislang nur wenige der Anwesenden eine Patientenverfügung verfasst haben, sich aber viele mit dem Thema auseinandersetzen und diese Art von Vorsorge treffen wollen.

Vorlagen für Patientenverfügungen bekommt man oft kostenfrei über viele Wege, beispielsweise über das Internet, beim Justiz- oder Gesundheitsministerium, über den Kreis oder bei Ärztekammern.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es wichtig ist, eine eventuell plötzliche ernsthafte Erkrankung oder Verletzung auch in jungen Jahren nicht als Tabuthema zu betrachten, sondern mit Ärzten, Familie und Personen des Vertrauens darüber zu sprechen, was man selbst in so einem Fall möchte. Vor der Niederschrift sollte man sowohl über Ängste und Gefühle als auch über Lebensauffassung und religiöse Aspekte nachdenken, um darauf basierend eine Patientenverfügung zu erstellen, die im Bedarfsfall den eigenen Willen widerspiegelt.

Bericht: Marco Weber

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