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Historische Treppe in Gamshurst freigelegt (Bericht vom August 2011)

Eine historische Treppe an der Acher wurde vom Rentnerteam des Vereins für Ortsgeschichte kürzlich ans Tageslicht gebracht und wieder begehbar gemacht. Westlich des Dorfes führt im Bereich der Gewanne Wörthel bzw. Niedermatten eine Stahlbrücke über die Acher. Hier war einst eine Treppe vom Damm hinunter zum Flusslauf, die lange Zeit als Zugang zum Wasser genutzt wurde. Über die Jahrzehnte geriet sie in Vergessenheit und war bis vor Kurzem noch komplett zugewachsen und kaum mehr sichtbar

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Werner Bühler, Vorsitzender des Vereins, erinnert sich noch, wie er mit seinen Spielkameraden in Kindertagen diese Treppe nutzte, um zum Baden in die Acher zu kommen. Nicht selten wurden sie von den Frauen des Dorfes, die dort tätig waren, weggeschickt: Sie standen mit ihren langen schweren Röcken im Wasser – den Bikini gab’s bekanntlich damals noch nicht – und legten wenig Wert darauf, sich so mit nasser und anklebender mehr oder weniger durchsichtiger Kleidung der Dorfjugend zu präsentieren.
Wurde der Platz früher zum Reinigen der gesamten Wäsche genutzt, verlor er mit der Zeit an Bedeutung. Später wurden dort noch Säcke vor der Getreideernte ausgewaschen, um vorzubeugen, dass sich Kornschädlinge darin festsetzten. Bei gutem Wetter diente die Brücke zum Trocknen des gewaschenen Gutes in der Sonne.

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Auf diesem Areal fanden sich zwischen dem Wald und den Häusern im Unterdorf in früherer Zeit auch sieben Hanfrötzen. Angelegt in verschiedenen Varianten - von der einfachen Mulde bis zum quadratischen Wasserbecken mit Dämmen - war die letzte noch bis zur Flurbereinigung 1970 als Vertiefungen auf den Wiesen erkennbar waren. Im Winter diente sie den Kindern als Eisbahn, und vor rund 80 bis 90 Jahren wurde im Winter darin Eis für die Kühltruhen gewonnen.

Acht bis zehn Tage wurde der geerntete Hanf dort im Wasser eingeweicht und anschließend auf den Äckern und daheim getrocknet. Dort wo heute die Brücke über die Acher führt, war eine Hanfplauel, ein durch Wasser angetriebenes Stampfwerk, auf dem die Frauen des Dorfes die mürben Hanfstängel in aufwändiger Arbeit klopften, bis die Fasern freilagen. Nicht selten zogen sie sich dabei Verletzungen und Quetschungen zu, wenn eine Hand unter die stampfende Plauel geriet.

Nach einer Nutzung von nur 55 Jahren wurden 1866 alten Aufzeichnungen zu Folge die Quadersteine, die man zum Beschweren des Hanfs im Wasser verwendet hatte, und das Eichenholz der abgebrochenen Hanfplauel im Hirsch versteigert: Der Hanfanbau hatte massiv an Bedeutung verloren. Vor einigen Jahrhunderten war die vielseitige Pflanze ein einträgliches Geschäft. Um 1650 galt ein Viertel Morgen (9 Ar) Hanf so ertragsreich wie der Wert einer „guten Kuh“ im Alter von vier bis fünf Jahren; auf heutige Verhältnisse umgerechnet kostete diese zwischen 1.200 und 1.400 Euro.

Grund für die hohe Nachfrage war die vielseitige Verwendung – beispielsweise in der Schifffahrt: Ein großes Segelschiff war mit rund 80 Tonnen Hanfseilen bestückt, die nach zwei Jahren ausgewechselt werden mussten. Die Konkurrenz durch Amerika, wo mit Hilfe der Sklaverei der Baumwollanbau umfangreich betrieben wurde, und später der aufkommende Einsatz von Motorschiffen, die weniger Taue benötigten, ließen den Hanf mehr und mehr uninteressant werden.

Auch in Gamshurst suchte man nach geldbringenden Alternativen und setzte daher zunehmend auf den Anbau von Tabak.

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In einer ganztägigen Arbeitsaktion legte das Team des Vereins für Ortsgeschichte diese Treppe komplett frei und fand sie in vielen Bereichen beschädigt vor – der Zahn der Zeit hatte stark genagt. Die Anlage musste komplett zerlegt und – nahezu vollständig in Handarbeit – neu aufgebaut werden. Was an Material dafür benötigt wurde, bezahlte man aus Vereinsmitteln.

Ortsvorsteher Hans Jürgen Morgenstern organisierte kürzlich vor Ort als kleines Dankeschön eine gemütliche Zusammenkunft; bei Bier und Brezeln sollte die Rentnertruppe auch selbst einmal genießen, was sie für das Dorf geschaffen hat.

Morgenstern dankte dem Team für seine unbezahlbare Arbeit zum Gemeinwohl und betonte mit Freude, welch idyllische Plätze in Gamshurst doch so nahe am Dorf vorzufinden seien. Bereits mit einer Sitzbank der Jagdgenossenschaft ausgestattet, lädt dieses wahre Kleinod ein zu verweilen, und einfach mal „die Seele baumeln zu lassen“.

Dennoch stelle die Treppe gewissermaßen auch ein kleines Mahnmal dar, denn dieser lebendig gemachte Teil der Dorfgeschichte erinnere heute daran, wie beschwerlich die Arbeit früher war, und wie gut und bequem heute Vieles geht: Keine Frau muss mehr mit voll bepacktem Leiterwägelchen vom Dorf über die Äcker bis zum Bachlauf gelangen, um in Handarbeit ihre Wäsche zu säubern. Die Waschmaschine im heimischen Keller erledigt, was die Frauen früher in langen nassen Röcken im Wasser stehend an diesem Platz verrichteten, der heute eher der Naherholung dient.

Bericht: Marco Weber

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